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Überzieher? Nein, ich verhüte!


Ich hatte neulich eine angeregte Diskussion mit einem Trainerkollegen. Im Kern ging es um die Frage: „Was ist eine Täuschung“? Entstanden war die Frage, weil ein Spieler im Training mit der Meinung auftrat, ein „Überzieher“, ein „Durchstecker“ und ein „Wackler“ seien Täuschungen, die jetzt geübt werden müssten.


Für all diejenigen, die - wie ich auch - mit diesen Begriffen erst einmal nichts anfangen können, hier eine Erklärung. Der „Überzieher“ bezeichnet nicht den Mantel, den Pullover oder gar ein Kondom, sondern das Überlegen des Wurfarmes am Abwehrspieler vorbei oder über ihn hinweg. Bekannte Aliase dieser Aktion sind „Kurbler“, „Durchzieher“, „Überleger“ - vielleicht gibt es ja noch mehr je nach Region in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Meldet sie mir, Danke.


Der „Durchstecker“, da musste ich auch mal fragen, ist wohl das Passen oder Werfen des Balles aus dem gestreckten Arm, der zu diesem Zweck hinter oder seitlich an den Abwehrspieler gebracht wird. Eine alternative Erklärung lautete, es sei hingegen eine Technik, bei der der ausgestreckte Wurfarm in den Freiraum neben dem Verteidiger gestreckt wird, um so den Ball vom Zugriff des Gegenspielers zu entziehen. Eine Art „Überzieher“, nur mit einer geradlinig-linearer Bewegung, sozusagen.


Was der „Wackler“ ist? Eine ruckartig einsetzende, seitliche Hin-und-Her Bewegung aus den Beinen und dem Rumpf. Ihn gäbe es auch als Doppelwackler, dann wohl mit wiederholten Bewegungsmustern.


Gemeinsam ist all diesen „Aktionen“ eines: Sie sind keine Täuschungen.


Was also ist eine Täuschung?


Eine Täuschung ist eine Spielhandlung. Als solche unterscheidet sie sich von einer athletischen Bewegungsaufgabe, zum Beispiel einem Richtungswechsel auf Kommando oder einem Armkreisen. Der Richtungswechsel kann auch an Kegeln erfolgen. Wird der Richtungswechsel hingegen zu einer Spielhandlung, zu der zwingend ein Gegenspieler gehört, dann geht es darum, diesen Spieler auszutricksen, sich einen Vorteil ihm gegenüber zu verschaffen. Ist das „Armkreisen“ mit Ball in der Hand die Vortäuschung einer Wurfaktion, dann ist es eine Täuschung, die eben eine Folgehandlung des Verteidigers provozieren will.


Eine Täuschung will einen Vorteil gegenüber dem Gegenspieler erreichen. Dass kann ein räumlicher Vorteil sein - dann schafft sich ein Spieler einen Durchbruchsraum oder ein Wurffenster. Es kann auch ein zeitlicher Vorteil sein - dann verschafft sich der Spieler einen kurzzeitigen Spielvorsprung, zum Überlaufen des Gegners oder zum Passen oder anderes. Meist sind die Resultate einer Täuschung sowohl zeitlich wie auch räumlich kombiniert. Alle Täuschungshandlungen erzwingen allerdings eines: Der Gegenspieler muss darauf reagieren.


Folglich ist eine Täuschung eine Spielhandlung, die den Gegenspieler dazu provoziert, etwas zu tun, was der Täuschende als Vorteil verbuchen und nutzen kann. Auf seinen Füßen zu stehen und dabei mit dem Oberkörper zu „wackeln“, erfüllt diese Voraussetzungen natürlich nicht. Welchen Vorteil soll der Angreifer hier erlangen? Der clevere Verteidiger wird abwarten oder, noch schlimmer für den Angreifer, seinerseits agieren und die Initiative ergreifen.


Getäuscht werden kann mit dem Ball: Mit einer Wurf- oder Abspieltäuschung. Beides erfordert eine Reaktion des Verteidigers - wenn, ja wenn: Der Angreifer glaubhaft agiert, er also werfen könnte und passen könnte. Getäuscht werden kann mit den Füßen: Mit Lauftäuschungen, wenn der Spieler nicht im Ballbesitz ist (das nennt man im Fachjargon auch „freilaufen“) oder mit dem Umspielen. Umspielen heißt nicht Umlaufen - letzteres wäre wieder eine athletische Aufgabe aus dem Bereich des Gewandtheitstrainings und kann beispielsweise wunderbar mit dem Umlaufen von Airbodys trainiert werden. Da Airbodys aber nicht in der Lage sind, ihrerseits defensive Spielhandlungen auszuführen, benötigt der Angreifer hier auch keine Spielhandlung. Das Umspielen hingegen setzt voraus, dass sich der Angreifer einen Weg schafft - mittels Täuschung. „Links blinken und rechts abbiegen“, nenne ich das gerne.


Das gleiche Prinzip gilt auch für den eingangs schon angesprochenen „Überzieher“. Der macht nur als finale motorische Bewegung Sinn, nachdem der Angreifer mittels einer (Spiel-)Täuschung sich ausreichend Platz verschafft hat, um mit seinem Arm am Gegenspieler vorbei zu kommen. Andernfalls kein Vorteil, mehr noch - das Regelwerk sagt klar, dass Verteidiger, die ihren Aktionsraum vor dem Angreifer besetzt haben, mit Körperkontakt seitens des Angreifers in Ballbesitz kommen, durch ein offensives Foul des Angreifers nämlich.

Erst also geht es um das Schaffen von Vorsprung - in Raum und / oder Zeit. Danach folgen die oben angeführten athletisch-motorischen Dinge. Weshalb ein Überzieher auch keine Täuschung ist, sondern erst in der Kombination mit einer Spielhandlung zu einer wird. Man mag es mir nachsehen, aber: Ich hoffe, ich habe nun „verhütet“, dass nun Trainer allerorten ihre Spieler vor Airbodys „wackeln“ lassen. Das ist Athletiktraining. Und kein Training von Täuschungen.


Foto: Jürgen Pfliegensdörfer www.rscp.de


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